Veröffentlicht in: Rheinpfalz, Nr. 27, Westricher Rundschau, Dienstag 2. Februar 2010
Keine Zeit für Hobbys oder Mittagspause
BRÜCKEN/ST. JULIAN: Junge Leute machen sich selten selbstständig – Die RHEINPFALZ stellt zwei vor, die es gewagt haben
VON ANNA FLÄMIG
Mark Zuckerberg war gerade mal 20 Jahre alt, als er die Internetplattform Facebook gründete. Mutige Jungunternehmer gibt es aber nicht nur in den USA. Auch im Landkreis wagen junge Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit – wenn auch nur wenige. Zwei von ihnen sind der 23-jährige
Johannes Pfeiffer und die zwei Jahre ältere Nathalie Brunner. Friedhöfe sind zurzeit ein wichtiges
Thema für Johannes Pfeiffer – allerdings nur beruflich. Der IT-Unternehmer hat die Internetseite
www.friedhofplan.de entworfen. Fortschrittliche Verwaltungen können auf der Seite die letzten Ruhestätten organisieren. In den Plänen können die Belegung der Gräber sowie weitere Informationen hinterlegt werden.
Computer seien schon immer sein Ding gewesen, sagt Pfeiffer. Deshalb kam für den damaligen Kuseler Gymnasiasten als Studienfach auch nur Informatik in Frage, das er an der Technischen Universität Kaiserslautern mit dem Bachelor abgeschlossen hat. Seit 2008 ist Pfeiffer sein eigener Chef im IT-Unternehmen Net Nexus in St. Julian. „Ich kann mir meine Arbeitszeit selbst einteilen und kann viel Neues ausprobieren“, zählt der junge Mann die Vorteile seiner Selbstständigkeit auf. Dafür nerve der Bürokram, der ein Drittel seiner Zeit fresse. Die Schwerpunkte seiner Arbeit sind das Content-Management-System („Inhaltsverwaltungssystem“), in das Johannes Pfeiffer fünf Jahre investierte, sowie die Entwicklung von Internet-Anwendungen und die Analyse und Optimierung von Internetseiten.
Nebenher macht er an der Fernuniversität Hagen seinen Master in Informatik – in Teilzeit. Den Abschluss bekommt man dort nicht wie in Vollzeit-Studiengängen nach vier Semestern, sondern erst
nach drei Jahren. „Ich will nicht mehr den ganzen Tag an der Uni verbringen“, erklärt der Teilzeit-
Student. Daheim lerne er eh mehr als im Hörsaal. Neues Wissen in Sachen Computer eigne er sich übers Internet an, berichtet er. Pfeiffers zweites Standbein ist eine Stelle bei einem Internet-
Dienstleister, bei dem er seit 2003 arbeitet. „Mein Ziel ist es aber, irgendwann nur noch für meine Firma zu arbeiten“, erzählt der junge Mann. Sein Gehalt steckt er in das eigene Unternehmen. Es fließt
hauptsächlich in die Computerausstattung, mit dem restlichen Geld bezahlt er die Miete für sein Büro.
Zwei Jobs und ein Studium – bleibt da Zeit für Hobbys und Freunde? „Ich habe praktisch keinen freien
Tag“, bedauert der 23-Jährige.
Der hohe Zeitaufwand könnte eine Erklärung für die wenigen Jungunternehmer im Landkreis
sein. Während die Zahl der Selbstständigen in Rheinland-Pfalz gegenüber 1998 um gut 35.000 auf insgesamt rund 203.000 im Jahr 2008 stieg – jeder zehnte Erwerbstätige war 2008 sein eigener Chef –, ist ein derartiger Trend bei jungen Leuten im Landkreis Kusel nicht zu erkennen. Auf fünf schätzt Florian Korb vom Wirtschaftsservicebüro des Landkreises die Zahl der jungen Menschen, die sich pro Jahr über Förderungsmöglichkeiten für die Gründung eines eigenen Unternehmens informieren.
Aber auch nicht alle sind auf Geld vom Staat angewiesen. Die 25-jährige Natalie Brunner, Inhaberin
des Frisiersalons „Beauty Hair“ in Brücken, hat den eigenen Laden mit finanzieller Unterstützung ihrer
Eltern eröffnet. Als jüngste Meisterin in Rheinland-Pfalz beendete sie 2005 ihre Ausbildung zur Friseurin. Nur ein Jahr später machte sie sich selbstständig. „Ich habe einfach auf mein Bauchgefühl gehört“, blickt die junge Frau zurück. Höhen und Tiefen habe sie seitdem in ihrem Geschäft erlebt. „Ich war so jung“, meint sie heute. Nicht alle Kunden hätten sie anfangs für voll genommen. „Können Sie das überhaupt?“,sei sie häufig, vor allem von älteren Menschen, gefragt worden.
Ihre Arbeitswoche gleicht der von Johannes Pfeiffer. Hobbys habe sie keine, dafür sei einfach keine
Zeit, sagt die Jung-Friseurin. Auch der Freundeskreis sei mit den Jahren kleiner geworden, erzählt sie
und sieht dabei auf einmal traurig aus. Trotzdem kann sie sich nicht mehr vorstellen, als Angestellte
Haare zu schneiden. „Ich kann selbst entscheiden, was richtig und was falsch ist“, betont Brunner.
Auch wenn sie eines am „ganz normalen Arbeiten“ vermisst: die Mittagspause. Die muss nämlich
bei ihr ausfallen. „Nur meine eine Angestellte und ich sind im Geschäft, da kann ich nicht einfach gehen“, erklärt sie die Überstunden. Sie könne auch nicht einfach mit einer Krankheit im Bett liegen bleiben. Dann müsste sie den Salon für einen ganzen Tag schließen.
Auch wenn sich das Friseur-Geschäft mittlerweile finanziell trage, so die Inhaberin, sei der Schritt in
die Selbstständigkeit vielleicht ein wenig verfrüht gewesen: „Es wäre besser gewesen, den Laden erst später aufzumachen“, resümiert Brunner heute.
